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Lele

Kapitel 099 Minuten

Fütterung: was ein Hund wirklich braucht

Kaum ein Thema wird unter Hundemenschen so hitzig verhandelt wie der Napf. Die Forschung ist dabei erstaunlich unaufgeregt: Sie streitet nicht über roh oder gekocht, sie fragt, ob eine Ration den Bedarf deckt.

Nicht der Weg entscheidet, sondern ob die Ration gerechnet ist.

Zottiger Hund frisst im Gras aus einem schlichten Metallnapf
Zwei Minuten am Napf, zweimal am Tag, ein Leben lang

Was bedarfsdeckend überhaupt heißt

Ein Hund braucht nicht Fleisch. Er braucht Energie, Eiweiß, Fett, Mineralstoffe, Spurenelemente, Vitamine und Wasser, jeden Tag und in einem Verhältnis, das zu ihm passt. Womit du das lieferst, ist zweitrangig. Ob du es lieferst, ist die ganze Frage.

Als Bezugsgröße gelten in Europa die Nährstoffempfehlungen der FEDIAF, die auf den Bedarfsdaten des amerikanischen National Research Council aufbauen. Wichtig zu wissen: FEDIAF ist der Branchenverband der Heimtierfutterindustrie und keine Behörde. Ihre Richtlinien sind trotzdem die Referenz, an der sich Hersteller, Behörden und Ernährungsberatung orientieren, weil es keine bessere gibt.

Das Schaubild

Was eine Ration abdecken muss

Sieben Bausteine, und keiner davon ist optional. Der Stapel ist die Erklärung: Wer nach dem fünften Stein aufhört, sieht sofort, dass oben etwas fehlt.

Erst wenn alle sieben zusammenkommen, ist eine Ration bedarfsdeckend

  • EnergieGenug für Alter, Gewicht und Bewegung. Zu viel wird zu Gewicht, zu wenig zu Muskelabbau.
  • ProteinNicht nur die Menge zählt, sondern welche Aminosäuren drinstecken.
  • Fett und essenzielle FettsäurenEnergieträger und Transportmittel für die fettlöslichen Vitamine.
  • Calcium und PhosphorNicht einzeln, sondern im richtigen Verhältnis zueinander. Der häufigste Fehler in selbst gebauten Rationen.
  • SpurenelementeJod, Kupfer, Zink, Selen und andere. Winzige Mengen, die schnell fehlen.
  • VitamineVitamin A und D können fehlen und im Übermaß schaden. Beides kommt vor.
  • WasserDer Baustein, den man am leichtesten vergisst, weil er nichts kostet.
Das gilt für jeden der vier Wege. Bei Fertigfutter übernimmt der Hersteller die Rechnung und schreibt Alleinfuttermittel auf die Packung, das gilt auch für fertige BARF-Menüs mit dieser Deklaration. Wer selbst zusammenstellt, übernimmt sie selbst.

Der Vergleich

Vier Wege, ein Bedarf

Trockenfutter, Nassfutter, BARF und Selbstkochen unterscheiden sich in Aufwand, Kosten, Kontrolle und darin, was passiert, wenn du etwas falsch machst. Keiner der vier Wege ist der richtige, und keiner ist verboten.

  • Trockenfutter

    Aufwand
    gering
    Kosten
    meist am wenigsten
    Kontrolle über die Zutaten
    Deklaration
    Risiko, wenn du Fehler machst
    gering
  • Nassfutter

    Aufwand
    gering
    Kosten
    mittel
    Kontrolle über die Zutaten
    Deklaration
    Risiko, wenn du Fehler machst
    gering
  • BARF

    Aufwand
    hoch
    Kosten
    schwankt stark
    Kontrolle über die Zutaten
    vollständig
    Risiko, wenn du Fehler machst
    selbst gemischt hoch, als Fertig-Menü gering
  • Selbst kochen

    Aufwand
    hoch
    Kosten
    mittel bis hoch
    Kontrolle über die Zutaten
    vollständig
    Risiko, wenn du Fehler machst
    hoch
Eine Rangfolge, keine Messung. Für Aufwand, Kosten und Risiko gibt es keine Erhebung, die wir zitieren könnten, deshalb stehen hier drei Stufen und keine Zahlen. Die Reihenfolge selbst ist belegbar, sie folgt den Studien und der Position der Bundestierärztekammer weiter unten.
Hund legt den Kopf neben einen hellen Napf mit Trockenfutter auf einer Holzfläche
Alleinfuttermittel aus der Tüte: Der Hersteller rechnet, du misst ab.
Hund frisst rohes Fleisch mit Gemüse aus einem hellen Napf auf einem Holzboden
Rohfütterung: Du weißt bis aufs Gramm, was im Napf liegt, und rechnest dafür selbst.

Fertigfutter: die Rechnung macht der Hersteller

Der große Vorteil eines Alleinfuttermittels ist nicht der Geschmack, sondern die abgegebene Verantwortung: Der Hersteller erklärt, dass dieses Produkt allein eine Tagesration sein darf, und muss das gegenüber der Futtermittelüberwachung vertreten. Für die meisten Haushalte ist das ein guter Deal.

Der Preis dafür ist Kontrolle. Du siehst eine Deklaration, keine Zutatenliste in Grammzahlen, und Qualitätsunterschiede zwischen Produkten derselben Kategorie sind von außen schwer zu beurteilen. Was du prüfen kannst, steht direkt auf der Packung: ob dort Alleinfuttermittel steht und für welche Lebensphase.

BARF: funktioniert, wenn gerechnet wird, und rechnen kann heute auch der Hersteller

BARF hat einen großen Vorteil, den kein Fertigfutter bietet: Du weißt bis aufs Gramm, was im Napf liegt, und du entscheidest über Herkunft und Qualität jeder Zutat. Am Lehrstuhl für Tierernährung und Diätetik der Universität München wurden 95 selbst zusammengestellte Rohfleisch-Rationen für erwachsene Hunde durchgerechnet (Dillitzer, Becker und Kienzle 2011). 40 Prozent waren ausgewogen oder zeigten nur geringfügige Abweichungen. BARF funktioniert also nachweislich. Die übrigen 60 Prozent zeigen, woran es hängt: Dort fehlte es an Jod, Kupfer, Zink oder Vitamin A, und in einem Teil der Rationen stimmte das Verhältnis von Calcium zu Phosphor nicht. Nicht weil das Fleisch roh war, sondern weil niemand gerechnet hatte.

Genau hier hat sich der Markt weiterentwickelt. Es gibt inzwischen fertige BARF-Menüs, bei denen der Hersteller die Ration komplett zusammenstellt, also Fleisch, Innereien, Gemüse und die nötigen Mineralstoffe und Vitamine in einem Paket. Steht darauf „Alleinfuttermittel", gilt dieselbe Rechtslogik wie bei Trockenfutter: Der Hersteller erklärt, dass dieses Menü allein eine Tagesration sein darf, und verantwortet die Bedarfsdeckung. Du behältst die Rohfütterung und gibst die Rechnung ab. Wer lieber selbst mischt, kann die Rechnung einmal von einer tierärztlichen Ernährungsberatung machen lassen und danach mit Plan füttern; auch das ist ein erprobter Weg.

Selbstkochen steht übrigens vor genau demselben Thema. Eine Auswertung von 200 Rezepten für selbst gekochtes Erhaltungsfutter fand nur fünf, die alle essenziellen Nährstoffe abdeckten, obwohl 129 der Rezepte von Tierärzten stammten (Stockman und Kollegen 2013). Die Lücke entsteht nicht durch rohes Fleisch. Sie entsteht durch ungerechnete Rationen, egal ob roh oder gekocht.

Wo die Ration in fachliche Hände gehört

  • Welpen und Junghunde, weil das Skelett noch wächst.
  • Trächtige und säugende Hündinnen.
  • Hunde mit Nieren-, Leber-, Darm- oder Stoffwechselerkrankungen.
  • Hunde mit Futtermittelunverträglichkeit, wo eine Ausschlussdiät geplant wird.
  • Alte Hunde, bei denen sich Bedarf und Appetit verschieben.

Dafür gibt es einen eigenen Beruf. Die Landestierärztekammern führen den Fachtierarzt für Tierernährung und Diätetik sowie die Zusatzbezeichnung Ernährungsberatung Kleintiere. Wer dort eine Ration rechnen lässt, bekommt eine Rechnung, keine Meinung. Die Suche läuft über die zuständige Landestierärztekammer.

Dieses Kapitel ordnet ein und ersetzt keine tierärztliche Beratung. Wir schreiben hier bewusst keinen Futterplan mit Grammzahlen: Eine Ration hängt an Gewicht, Alter, Aktivität, Kastrationsstatus und Vorerkrankungen. Wer sie ohne diese Angaben aufschreibt, tut so, als kenne er deinen Hund.

Wenn roh, dann sauber

Rohes Fleisch ist ein Lebensmittel, kein Futter

Zwei Untersuchungen an Fertigprodukten für die Rohfütterung zeigen dieselbe Richtung. In Zürich überschritten 72,5 Prozent von 51 Proben den EU-Grenzwert für Enterobacteriaceae, 60,8 Prozent enthielten ESBL-bildende Bakterien. In Utrecht fanden sich in 35 tiefgefrorenen Produkten aus acht Marken bei 80 Prozent ESBL-bildende E. coli, bei 54 Prozent Listeria monocytogenes und bei 20 Prozent Salmonellen.

Durchgefroren lagern

Roh gekauftes Fleisch gehört in die Tiefkühlung und wird im Kühlschrank aufgetaut, nicht auf der Arbeitsfläche.

Getrenntes Werkzeug

Eigenes Brett, eigenes Messer, eigener Napf. Danach heiß spülen, nicht nur abwischen.

Nicht stehen lassen

Reste kommen weg, sobald der Hund satt ist. Ein Napf, der eine Stunde in der Küche steht, ist eine Kulturschale.

Flächen und Hände

Nach jedem Kontakt Hände waschen, Flächen reinigen. Der Weg zum Menschen führt über die Küche und über den Hund selbst.

Wer im Haushalt besonders zu schützen ist

Leben kleine Kinder, Schwangere, alte oder immungeschwächte Menschen bei dir, wiegt die Keimfrage schwerer. Die Erreger gehen nicht nur über die Küche, sondern auch über den Hund: über Näpfe, über das Fell und über den Kot. Das ist kein Verbot, aber ein Grund, die Entscheidung bewusst zu treffen und die Hygiene ernst zu nehmen.

Die Stolpersteine

Sechs Fehler, die immer wieder passieren

  • Nach Gefühl statt nach Rechnung

    Fleisch, ein bisschen Gemüse, ab und zu ein Ei: Das sieht nach guter Ernährung aus und deckt trotzdem oft nicht den Bedarf. In der Münchner Untersuchung von 95 Rationen fehlte es besonders häufig an Jod, Kupfer, Zink und Vitamin A.

  • Calcium und Phosphor einzeln denken

    Beide Werte für sich können passen und das Verhältnis trotzdem kippen. In den calciumarmen Rationen der Münchner Untersuchung lag es unter 0,6 zu 1. Bei erwachsenen Hunden fällt das lange nicht auf, im Wachstum schon.

  • Rezepte aus dem Internet

    Eine Untersuchung von 200 Rezepten für selbst gekochtes Erhaltungsfutter fand nur fünf, die alle essenziellen Nährstoffe abdeckten. 129 der Rezepte stammten von Tierärzten. Das Problem ist also kein Laienproblem, sondern ein Rechenproblem.

  • Knochen als Selbstverständlichkeit

    Die Bundestierärztekammer nennt zwei Folgen deutlich: Zu viele Knochen führen zu Verstopfung, und splitternde oder scharfkantige Stücke haben oft Verletzungen im Maul- und Rachenraum oder im Magen-Darm-Trakt zur Folge.

  • Rohes Schweinefleisch

    Über rohes Schweinefleisch kann das Aujeszky-Virus übertragen werden. Für Hunde verläuft eine Infektion nach Angabe der Bundestierärztekammer immer tödlich. Es gibt dagegen keine Impfung und keine Behandlung.

  • Die Waage nicht benutzen

    Übergewicht ist die häufigste Folge falscher Fütterung und die, die am längsten unbemerkt bleibt. In einer kontrollierten Langzeitstudie an 48 Labrador Retrievern lebten die Hunde, die schlanker gehalten wurden, länger, und Krankheitszeichen traten später auf.

Häufige Fragen

Ist BARF besser als Fertigfutter?

Das lässt sich so nicht beantworten, und wer es tut, geht über die Datenlage hinaus. Es gibt keine kontrollierte Langzeitstudie, die Gesundheit oder Lebensdauer zwischen Fütterungsarten vergleicht. Was es gibt, sind Untersuchungen zur Zusammensetzung von Rationen und zur Keimbelastung von rohem Fleisch. Beide sagen dasselbe: Entscheidend ist, ob eine Ration gerechnet ist, nicht ob sie roh ist.

Was bedeutet Alleinfuttermittel auf der Packung?

Das ist eine rechtliche Angabe nach dem EU-Futtermittelrecht und keine Werbeformel. Ein Alleinfuttermittel ist ein Mischfuttermittel, das wegen seiner Zusammensetzung für eine tägliche Ration ausreicht. Ein Ergänzungsfuttermittel reicht dafür ausdrücklich nicht. Wer ein Ergänzungsfuttermittel als Hauptfutter gibt, füttert per Definition unvollständig.

Wie viel Gramm braucht mein Hund am Tag?

Diese Zahl schreiben wir bewusst nicht auf. Sie hängt an Gewicht, Alter, Aktivität, Kastrationsstatus und Vorerkrankungen, und wer sie ohne diese Angaben nennt, tut so, als kenne er deinen Hund. Eine Ration rechnet dir eine tierärztliche Ernährungsberatung aus, dafür gibt es den Fachtierarzt für Tierernährung und Diätetik und die Zusatzbezeichnung Ernährungsberatung Kleintiere.

Was ist fertiges BARF, und ist es eine gute Lösung?

Fertige BARF-Menüs sind komplett zusammengestellte Rohfutter-Rationen, bei denen der Hersteller Fleisch, Innereien, Gemüse sowie die nötigen Mineralstoffe und Vitamine schon kombiniert hat. Entscheidend ist die Deklaration: Steht Alleinfuttermittel auf der Packung, verantwortet der Hersteller die Bedarfsdeckung, genau wie bei Trockenfutter. Damit entfällt der häufigste Fehler beim Barfen, die ungerechnete Ration. Was bleibt, ist die Küchenhygiene, denn roh bleibt roh.

Kann ich Welpen barfen?

Nur mit einer gerechneten Ration, und die gehört in fachliche Hände. Im Wachstum entscheidet vor allem das Verhältnis von Calcium zu Phosphor über die Skelettentwicklung, und genau dieses Verhältnis war in der Münchner Untersuchung von 2011 der häufigste Schwachpunkt selbst zusammengestellter Rationen. Dasselbe gilt für kranke Tiere, für trächtige Hündinnen und für alles, was von der normalen Erhaltung abweicht.

Quellen

  • Nährstofflücken in Rohfleisch-Rationen: Dillitzer, Becker, Kienzle (2011), Intake of minerals, trace elements and vitamins in bone and raw food rations in adult dogs, British Journal of Nutrition 106(S1)
  • Rezepte für selbst gekochtes Futter: Stockman, Fascetti, Kass, Larsen (2013), Evaluation of recipes of home-prepared maintenance diets for dogs, Journal of the American Veterinary Medical Association 242(11)
  • Keimbelastung von Rohfleischprodukten: Nüesch-Inderbinen, Treier, Zurfluh, Stephan (2019), Royal Society Open Science 6(10)
  • Zoonose-Erreger in Rohfleischprodukten: van Bree und Kollegen (2018), Veterinary Record 182(2)
  • Position zur Rohfütterung, Knochen und Aujeszky: Bundestierärztekammer, BARFen aber richtig (2016)
  • Nährstoffempfehlungen als europäische Referenz: FEDIAF Nutritional Guidelines (Branchenverband, keine Behörde)
  • Schlankheit und Lebensdauer: Kealy und Kollegen (2002), Effects of diet restriction on life span and age-related changes in dogs, Journal of the American Veterinary Medical Association 220(9)
  • Alleinfuttermittel und Ergänzungsfuttermittel: Verordnung (EG) Nr. 767/2009 über das Inverkehrbringen und die Verwendung von Futtermitteln

Weiter im Buch: Den richtigen Tierarzt finden erklärt, wer dir die Ration rechnet und was so ein Termin kostet. Erbkrankheiten und Gentests zeigt, welche Veranlagungen unabhängig vom Futter mitspielen.

Manche Rassen neigen zu Übergewicht

Das steht in jedem Rassenportrait bei Lele unter Gesundheit, zusammen mit den typischen Veranlagungen. Wer es vorher liest, stellt den Napf anders hin.